Einleitung

Die Idee ist nicht neu: Zur besseren Orientierung nutzt man zusätzlich zum Stock ein Gerät, das mit Hilfe von Ultraschallwellen Hindernisse wahrnehmen und diese entweder haptisch (durch Vibrieren) oder akustisch anzeigt. Die ersten Geräte gab's meines Wissens Ende der Siebziger oder Anfang der Achtziger. Viel Interesse fand Mitte der Achtziger der Sonic Guide. Eine mit Ultraschallsender und -Empfänger ausgestattete Brille, die Hindernisse in stereo hörbar machte. Den Sonic Guide gibt's wie viele andere dieser Geräte nicht mehr, und in vielen Fällen wurde auch kein Nachfolger angeboten. Diese Hinderniserkenner geben zusätzliche Informationen, was den Konzentrationsaufwand, der beim Gehen im Straßenverkehr ohnehin schon äußerst hoch ist, noch erheblich steigert. Das ist ein Grund weswegen längst nicht jeder so ein Gerät nutzen mag.

Am Kopf, um den Hals oder in der Hand?

Der Sonic Guide war wie gesagt eine Brille, man konnte so Gegenstände durch Drehen des Kopfes noch genauer lokalisieren (die Signale wurden in stereo abgegeben). Es gibt Geräte, die man um den Hals hängt. Bei denen muss man den Kopf nicht ständig ruhig halten, um ein gleichmäßiges "Bild" der Umgebung zu bekommen. Dafür kann man aber Hindernisse nicht so leicht lokalisieren, weil man den Oberkörper ja nicht so einfach hin- und herdrehen kann wie den Kopf. Man kann ihn natürlich drehen, aber das ist wie gesagt relativ umständlich und sieht außerdem evtl. seltsam aus. Angenommen, man spürt durch den Vibrator, der bei diesen Geräten oft im Nacken befestigt wird, ein Hindernis, dem man ausweichen möchte. Um nachzusehen, ob man besser nach links oder rechts gehen sollte, dreht man den Oberkörper in beide Richtungen. Wenn man das einmal pro halbe Stunde täte, wäre es durchaus machbar. Aber in einer großen Stadt begegnet man ja wesentlich häufiger Dingen, denen man ausweichen muss. Falls man so ein Hilfsmittel aber nur benutzt, um bestimmte Dinge zu finden, z. B. einen Ampelpfosten, von dem man weiß, dass er sich "hier irgendwo" befinden müsste, dann ist ein Um-Den-Hals-Gerät vielleicht die beste Lösung. Den dritten Weg geht der hier vorgestellte MiniGuide der Firma GDP Research (www.gdp-research.com.au), deutschsprachige Infos unter www.miniguide.de. Das Gerät ist sehr klein, es passt in fast jede Hosentasche. Man kann es in der Hand leicht drehen, um festzustellen, wo sich ein Hindernis befindet, bzw. in welche Richtung man am besten ausweicht. Allerdings ist so immer eine Hand belegt, die andere natürlich auch, denn die benötigt man zum Pendeln mit dem Stock oder zum Leinehalten.

Beschreibung des Geräts

Als ich den Miniguide auspackte stellte ich fest, dass er sich in einer Tasche befindet. Nach dem Entfernen hatte ich eine gehäuselose Maschine in der Hand. Die Tasche ist das Gehäuse. Sie ist leicht entfernbar und muss es sein, weil man zum Batteriewechsel an das Gerät selbst kommen muss. Es wird mit einer AAA Mikrozelle und einer Knopfzelle betrieben. Die Mikrozelle befand sich bereits im Gerät, die Knopfzelle war auf den Karton geklept und musste eingesetzt werden. Leider stand das nicht in der ansonsten recht guten Bedienungsanleitung. Meines Wissens soll's in den nächsten Monaten eine neue Version des Miniguides mit einem konventionellen Gehäuse geben.

Das Gerät besitzt zur Bedienung einen einzigen Knopf, mit dessen Hilfe sowohl das Ein- und Ausschalten, als auch das Setzen der mehr als 20 Einstellungen bewerkstelligt wird. An der Vorderseite befinden sich zwei Siebartige Öffnungen: Ultraschallsender und -Empfänger. An der gegenüberliegenden Seite gibt's eine Handschlaufe.

Praxis

Um den Miniguide einzuschalten, drückt man den Knopf, der durch die Tasche hindurch gut fühlbar ist, kurz. Sofort spürt man ein kurzes Vibrieren, mit dem das Gerät anzeigt, dass es den Tastendruck wahrgenommen hat. Man kann so schnell feststellen, ob es funktioniert, ob z. B. die Batterien korrekt arbeiten. Um den Sensor zu testen, hält man die Hand vor's Gerät. Man fühlt nun ein permanentes Vibrieren. Der Miniguide ist standardmäßig auf vier Meter "Sichtweite" eingestellt. Das heißt aber nicht, dass nur Hindernisse vor dem Nutzer erkannt werden. Wenn ich durch meine Wohnzimmertür gehe, vibriert der MiniGuide, obwohl sich vor mir nichts befindet. Auch Gegenstände, die sich links oder rechts vom trichterförmigen Ultraschallstrahl befinden, werden also signalisiert. Es ist leicht, eine andere "Sichtweite" einzustellen. Dazu hält man beim Einschalten den Knopf gedrückt, statt ihn sofort wieder loszulassen. Nach zwei Sekunden spürt man eine kurze Vibration, ab jetzt erfolgt jede Sekunde eine Weitere, solange man den Knopf gedrückt hält. Mit jeder Vibration wird eine neue Einstellung gesetzt: Puls 1: Vier meter. Puls 2: 2 Meter. Puls 3: Ein Meter. Puls 4: 50 Centimeter. Man kann so leicht die "Sichtweite" verstellen, was gut ist, denn im Viermetermodus bekommt man auf vollgepackten Gehwegen oft nur ein permanentes Vibrieren, das genau wie das bekannte Rauschen keine Information enthält. In so einer Situation stelle ich das Gerät auf zwei meter um. Es gibt über 20 verschiedene Pulse, die das Gerät beim Gedrückthalten des Knopfes während des Einschaltens durchgeht. So kann man den Miniguide z. B. in verschiedene Hauseingangsfindemodi versetzen. Er ist dann nicht ganz so empfindlich, was das Auffinden von Eingängen erleichtern soll. Ich konte dieses Merkmal nicht testen. Man kann den Miniguide so auch gegen versehentliches Verändern von Einstellungen sperren. Die einzige Möglichkeit, die Sperre wieder aufzuheben, ist der Batteriewechsel. Man kann im Gerät drei bevorzugte Einstellungen speichern, die dann einfach durch kurzes Drücken des Knopfes aufgerufen werden, z. B. Einstellung 1 vier Meter, Einstellung zwei ein Meter usw. Hierbei muss man allerdings viele Pulse abzählen (siehe oben) und ein wenig Geduld mitbringen.

In der 50 Centimeter Einstellung konte ich die nakte Glühbirne an meiner Wohnzimmerdecke finden. Man kann mit ihr also Wände, Decken oder Fußböden nach Gegenständen absuchen. Aber außerhalb von Gebäuden sind die größeren Sichtweiten hilfreicher, weswegen wohl auch die Viermetereinstellung standard ist. Mit ihr gelang es mir, viele Hindernisse zu umgehen, an die ich sonst mit dem Stock gestoßen wäre. Es ist nicht schlimm, mit dem Stock etwas zu berühren, aber elleganter ist's schon, wenn man daran vorbei gehen kann. Der Miniguide zeigte mir das Hindernis (z. B. eine Litfassseule) durch Vibrieren an, welches intensiver wird, jeh näher man dem Hindernis kommt. Man kann dann die Hand nach links und rechts drehen, um die beste Ausweichrichtung zu finden. Allerdings verpasste ich zweimal eine Straßenecke, als ich mit dem Miniguide ging. Ich merkte nicht, dass ich bereits um die Ecke gegangen war. Das Gerät führte mich einfach etwas anders, als ich sonst gehe. Daran kann man sich evtl. gewöhnen, viele Nutzer würden es auch gar nicht immer nehmen, sondern nur, wenn bestimmte bereits bekannte Gegenstände wie Ampelpfosten usw. gefunden werden sollen. Dafür ist der Miniguide prima geeignet. Allerdings kann er natürlich nicht zwischen Ampelpfosten und Menschen unterscheiden, weswegen man schon mal einen stillen Zeitgenossen mit der Stockspitze berühren kann, auf den man durch die Führung des Miniguides zielstrebig zugelaufen ist, in der Annahme, es handele sich um besagten Pfosten. Der Miniguide vibrierte auch, wenn Leute an mir vorbeigingen. Ein plötzlich stärker und kurz danach schnellwieder schwächer werdendes Kribbeln in der Hand, ein faszinierender Eindruck, besonders dann, wenn die Leute keine Geräusche von sich gaben.

Man kann den Miniguide auch zum Signalisieren von sich nähernden Menschen, z. B. in einem Büro, nutzen; Die dafür vorgesehene Einstellung benötigt wesentlich weniger Strom. Das Gerät liegt dann ruhig auf einem Tisch.

Einen Stock kann der Miniguide laut Hersteller nicht ersetzen, dem ist natürlich zuzustimmen. Löcher und Treppen muss man weiterhin mit dem weißen Pendelmann wahrnehmen. Der Miniguide ist ein Zusatzhilfsmittel.

Vorschlag für eine neue Variante: Eine "Stereowiedergabe" wäre nützlich. Man könnte so schnell feststellen, ob sich ein Hindernis rechts, links oder genau in der Mitte vor dem Nutzer befindet. Es müssten sich dann wohl zwei Sender, zwei Empfänger und zwei Vibrationseinheiten im Gerät befinden, was die Sache aufwendiger und teurer machen würde.

Fazit: Der Miniguide ist das preisgünstigste Gerät dieser Gattung, weniger als 500 . Trotzdem wurden keine Abstriche an der Qualität gemacht. Jeder, der etwa seinen Oberkörper besser schützen will (z. B. sehr große Menschen oder Leute, denen häufig überstehende Schilder in die Quere kommen) sollte sich dieses Gerät einmal gründlich ansehen. Aber es ist auch für alle anderen Langstöcker und Führhundler sehr ausprobierenswert. In den zwei Wochen, in denen man hierzulande bei Bestellung über einen Versandhändler Rückgaberecht hat, kann man ohne viel Geld ausgeben zu müssen, den Miniguide kennenlernen.

 

Im Namen der ISCB bedanke ich mich bei der Firma Biggi Bergmann (Email biggibergmann at web.de) für die leihweise Überlassung eines Testgeräts. Den Miniguide kann man auch beim Marlandversand kaufen.