Die BrailleWave, ein Notizgerät für Leute, die gerne selbst lesen

Ich arbeite seit Mitte der Neunziger mit dem BrailleLite. Das ist ein Notizgerät der Firma Blazie. Mir hat das blt von Anfang an gut gefallen. Es hat eine leise, angenehm zu drückende Tastatur und ist nach dem Einschalten sofort bereit. Das blt kommt aus den USA. Dort legt man ja oft nicht so viel Wert auf Braille, aber beim blt ist das ganz anders. Dean Blazie, der entwickler des Geräts, ist ein großer Brailleanhänger, wie man aus einigen Artikeln, die er für Fachzeitschriften schrieb ersehen kann. Das blt bietet eine große Fülle von Optionen, mit deren Hilfe man die Anzeige von Texten in Braille einstellen kann: Lesewortumbruch ein / aus. Leerzeilen anzeigen ein / aus. Kein Halt vor dem Zeilenende ein / aus. In letzterem Fall wird die Brailleanzeige mit Wörtern der nächsten Zeile möglichst komplett aufgefüllt. Steuerzeichen und aufeinanderfolgende Leerzeichen anzeigen ein / aus.

Man kann sich deshalb mit dem blt ausgezeichnet Texte in Braille zu Gemühte führen. Einige Jahre nach Erscheinen des blt kündigte die Firma Handytech ein eigenes Notizgerät an, dessen Spezifikation auf eine starke Ähnlichkeit zum Braille Lite schließen ließ. Genau wie das blt sollte die BrailleWave 40 Braillemodule haben und in der Lage sein, Texte vom PC zu empfangen und an den PC zu senden. Als ich mir die bw zum erstenmal ansah, konnte man sie aber noch nicht mit dem blt vergleichen: Die Maximalgröße eines Texts war noch recht gering. Allerdings hieß es etwas später, es sei die Integration eines Editors geplant, mit dem man Texte bis zu drei Megabyte lesen und bearbeiten könne. Bis das passierte gingen noch einige Jahre in's Land. Als es dann soweit war, sah ich mir die BrailleWave zum erstenmal genauer an, aber mein Interesse erlahmte schon nach zwei Stunden: Das Gerät bot zwar einen Lesewortumbruch, aber das Wort, welches nicht mehr auf die Brailleanzeige passte, wurde trotzdem soweit es daraufpasste angezeigt. Auf der nächsten Brailleanzeigezeile erschien es dann nochmal komplett. Das fand ich inakzeptabel. Inzwischen wurde dieses Verhalten beseitigt, und der Lesewortumbruch funktioniert gut. Ich finde das ganz wichtig. Wenn man mit einer 40er-Zeile Texte, deren Zeilen länger als 40 Zeichen sind liest, will man nicht ständig im Kopf Wortteile zusammenfügen müssen, das verlangsamt die Lesegeschwindigkeit ganz erheblich. Trotzdem gibt es Notizgeräte, die das bis heute nicht können, z. B. Pronto, welches meines Wissens einen Lesewortumbruch nur dann bietet, wenn man sich einen Text mit dessen eingebauter Sprachausgabe vorlesen lässt. Anscheinend macht das vielen Nutzern nichts aus, denn die Forderung danach taucht in der Prontoliste nicht oft auf. Wer Texte mit der Sprachausgabe liest, den stört das sicher nicht besonders, aber ich finde, dass gerade die Möglichkeit, Texte aus dem Internet zu holen und so immer ganz frische Texte in Braille zu haben eine der großen Errungenschaften der Datenfernübertragung ist. Nun will man natürlich auch manchmal genau wissen, wie die Struktur eines Texts ist und sollte deshalb den Lesewortumbruch auch abschalten können. Die BrailleWave bietet im Editor das mit u-Cord erreichbare Einstellungsmenü, in dem das geht. Als Chord bezeichnet man einen Befehl, bei dem man die Leertaste zusammen mit einer oder mehrerer der Punktschrifttasten drückt. In diesem Einstellungsmenü gibt es noch weitere Befehle, mit denen man das Verhalten der Brailleanzeige beeinflussen kann. So weit wie beim blt geht das aber nicht. So kann man die Anzeige von Leerzeilen beim bw nicht wie beim blt unterdrücken. Beim PacMate, einem Notizgerät der Firma FreedomScientific, werden Texte zwar auf der Braillezeile umgebrochen, dieser Umbruch lässt sich aber nicht abschalten. Obwohl sowohl der Hersteller von Pronto, als auch der von PacMate Wert auf eine genaue Brailleanzeige legt, ist die Sprachausgabe doch bei beiden das wichtigere Medium.

 

Die meisten Notizgeräte, so das blt, das PacMate und das Pronto arbeiten mit einem fest eingebauten Akku. Alle Akkus müssen nach mehrjähriger Benutzung ausgewechselt werden. Das ist bei diesen Geräten fast nur möglich, wenn man das Gerät zu einem Händler oder direkt zum Hersteller schickt. Man muss es dann aber immer mindestens mehrere Tage entbehren, was gerade bei einem Notizgerät, das den Nutzer ja in allen Lebenslagen begleiten können soll, ärgerlich ist. Die BrailleWave arbeitet, genau wie ihr kleiner mit 20er-Zeile ausgestatteter Bruder Braillino, mit Mignonzellenakkus. Sie können vom Nutzer jederzeit ausgetauscht werden. Man kann das Gerät sogar mit Mignonzellenbatterien betreiben, darf es dann aber keines Falls an's Stromnetz anschließen. Die Notizgeräte von Handytech sind leider die einzigen, die so arbeiten. Aber gottseidank gibt's wenigstens eine Firma, die das macht, und für mich ist schon aleine die, den Nutzer wesentlich unabhängiger machende Möglichkeit ein Kaufgrund.

 

Das bw wurde wesentlich früher als der schon erwähnte kleinere Bruder Braillino entwickelt. Die meisten der beim Braillino neu hinzugekommenen Eigenschaften wurden inzwischen auch in die bw eingebaut. So hat jetzt auch die BrailleWave eine Uhr und einen BlueTooth-Anschluss. Allerdings bleiben die Trippleactionstasten weiterhin dem Braillino vorbehalten. Es hat links und rechts von der Brailleanzeige jeweils eine, mit der man drei Aktionen ausführen kann jenachdem, ob man sie oben, in der Mitte oder unten drückt. Die bw besitzt zwar links und rechts von der Braileanzeige ebenfalls eine Taste, sie fühlt sich auch ähnlich wie die Tasten des Braillinos an, man kann mit jeder aber nur eine einzige Aktion durchführen. Zum Braillino gibt es eine Docking Station, mit deren Hilfe es USB-fähig ist. Zum Datenaustausch mit der BrailleWave muss man deren serielle Schnittstelle benutzen, was die Sache im Vergleich zu Notizgeräten wie Pronto oder PacMate schon ein wenig umständlich macht. Letztere bieten neben dem USb-Port auch Compactflashkarten slots, sodass man Dateien, die man im Notizgerät haben will, einfach mit dem PC auf eine Karte kopieren und diese in's Notizgerät schieben kann. Zum Datenaustausch mit der bw, die über vier Megabyte nicht erweiterbaren Speicher verfügt, stehen zwei Programme zur Verfügung. Zum einen ist das das mächtige HTCom, welches vor dem Senden an die bw Dateien, z. B. HTML oder Word-Dateien, in's Textformat konvertieren kann. Außerdem kann HTCom Dateien in deutsche oder englische Kurzschrift umwandeln. Zum anderen gibt es das ganz neue Programm HTDrive. Es ermöglicht den Datenaustausch mit Hilfe des Windows Explorers, um die Übertragungsfunktionalität an heutzutage häufig genutzte USB-Geräte anzugleichen, die man oft wie ein weiteres PC-Laufwerk ansteuern kann. Das Arbeiten mit HTDrive funktioniert bei mir gut. Nach der Installation wird beim Aufruf von HTDrive die Schnittstelle gesucht, an die das bw angeschlossen ist, der Explorer aufgerufen und das bw in der Dateibaumstruktur des Explorers fokussiert. Nun kann man wie gewohnt Dateien vom bw in die Zwischenablage kopieren und sie auf dem PC ablegen und umgekehrt. Allerdings dauert die Übertragung relativ lang. Eine 1,6 mb große Textdatei wurde in etwa 27 Minuten auf die bw gesendet.

 

Man kann zur Datenübertragung wohl auch den Bluetoothport der bw nutzen. Mit dessen Hilfe kann man unter Nutzung des Mobiltelefonscreenreaders Talks ja auch Handies braillefähig machen. Da ich weder über ein bluetoothfähiges Handy noch über einen PC mit Bluetoothanschluss verfüge, konnte ich diese bw-Schnittstelle nicht testen.

 

Das Lesen von größeren wie dem im vorletzten Absatz erwähnten Texten geht zügig. Wenn man zum Dateianfang oder -Ende springt, entsteht keine Verzögerung. Man kann bw so einstellen, dass es nach dem Einschalten den zuletzt genutzten Text wieder lädt und an die zuletzt gelesene Stelle springt. Man kann sich zehn Marken setzen und sie mit einem frei wählbaren Namen versehen. Auch das Springen zu diesen Marken geht nach meinen bisherigen Erfahrungen immer völlig verzögerungsfrei vonstatten. Ich vermisse allerdings die Möglichkeit, schnell von Absatz zu Absatz zu springen, wie man das beim BrailleLite kann. Es dauert recht lange, mit einem Notizgerät eine Leerzeile zu finden, weswegen das Springen von Absatz zu Absatz mit einem Chordbefehl für mich sehr wichtig ist. Normalerweise findet beim bw genau wie beim blt meines Wissens kein Schreibwortumbruch statt. Die Zeile wird beim Schreiben einfach immer länger, bis man Enter drückt. Es ist aber beim bw möglich, einen Rand einzustellen, bei dessen Erreichen entweder ein Ton zu hören ist, vergleichbar dem Verhalten einer Schreibmaschine oder eine Zeilenschaltung erfolgt. Die Randspalte ist einstellbar. Das funktioniert wie bei einem Editor (Spalte 75, 77, 80), nicht wie bei einer Textverarbeitung, bei der man den Rand ja Papierbreitegemäß einstellt. Das bw ist nicht dazu gemacht, Texte auszudrucken. Es bietet nicht wie beispielsweise das blt eine parallele Schnittstelle. Ich würde mein Notizgerät aber auch nie zum Ausdrucken nutzen.

 

Man kann das bw natürlich als Braillezeile am PC, z. B. unter JAWS verwenden. Notizgeräte sind dafür meiner Meinung nach aber nur eine Notlösung oder eine kleine Laptopergänzung.

Im Gerät befindet sich keine Sprachausgabe, was die Entwickler zwingt, alle Informationen auf der Braillezeile anzuzeigen und nicht wie bei anderen Notizgeräten einiges nur über die Sprache zur Verfügung zu stellen. Das bw bietet nicht so viele Funktionen wie viele andere Notizgeräte. Es ist Windowsfrei und verfügt deshalb nicht über die von Windows-CE-Notizgeräten her bekannten Internetfeatures. Einige Zusatzfunktionen gibt's natürlich schon: Die weiter oben bereits erwähnte Uhr kann die Zeit auf der Zeile aufwärtszählend anzeigen. So könnte man z. B., wenn man eine Radiosendung macht, einen Contdown zum ersten Januar des neuen Jahres sprechen. Auch die eingebaute Stopuhr kann Radiomachern, aber nicht nur ihnen sehr nützlich sein. Der Terminkalender kann den Nutzer auch automatisch mit einem akustischen Signal an Termine erinnern. Das funktioniert aber nur, wenn das bw eingeschaltet ist. Sein Schalter entzieht dem bw nämlich tatsächlich den Strom. Dadurch werden die Akkus aber in ausgeschaltetem Zustand tatsächlich nicht benutzt und halten so sicherlich länger, als die von Windows-CE-Notizgeräten wie PacMate und Pronto, deren Akku ja auch bei Nichtbenutzung des Geräts immer nach drei Wochen leer ist. Trotzdem ist das bw nach dem einschalten sofort bereit. Nur wenn es einen großen Text automatisch öffnen soll, vergehen einige wenige Sekunden, in denen man auf der Zeile eine Prozentanzeige fühlt, die den Fortschritt beim Öffnen anzeigt.

 

Ich halte das BrailleWave jetzt, nachdem es das blt ja kaum noch gibt, für das braillefreundlichste Notizgerät auf dem deutschen Markt. Wer längere Texte unabhängig vom PC und ohne sie ausdrucken zu müssen lesen möchte, für den ist es erste Wahl. Aber auch zum Schreiben von kürzeren oder längeren Notizen eignet es sich ausgezeichnet. Die Möglichkeit, die Akkus jederzeit selbst auswechseln zu können, macht den Nutzer wesentlich händlerunabhängiger (und reduziert die Wartungskosten), als das bei anderen Notizgeräten der Fall ist. Ich würde mir noch mehr Editorfunktionen wie das Springen von Absatz zu Absatz und die Möglichkeit, die Anzeige mehrerer aufeinander folgender Leerzeilen abschalten zu können wünschen. Ein BrailleWave mit eingebautem Compactflashkartenslot wäre natürlich auch eine Prima Sache. Dass sich in der bw kein Windows befindet, erhöht sicherlich deren Stabilität. Außerdem entsteht deshalb wohl kaum das sumpfartige Gefühl, welches man so oft bei Windows-Geräten hat, wenn man eine Taste drückt und dann auf die Ausführung des Befehls warten muss.

Im Namen der ISCB bedanke ich mich bei der Firma Handytech für die leihweise Überlassung eines Testgeräts.

 

Michael Lang