Fachbegriffe leicht gemacht:

SSDS

"SSDS" steht für"sensory substitution Devices", zu deutsch vielleicht: "Ausgabe über ein anderes Sinnesorgan".

Die Fachzeitschrift "Heise" prägte eine hübsche überschrift, denn man konnte im Frühjahr dieses Jahres lesen: "Von Pixeln zu Tönen: Via Smartphone Farben und Formen hören. Ein neues System der Echolokation setzt Bildinformation in hörbare Klanglandschaften um und das nun mit handlicher Technik: einer Kamera am Brillengestell, Stereokopfhörern und einem Smartphone".

Was verbirgt sich nun dahinter?

Israelische Forscher wollen ein via Smartphone aufgenommenes Bild in eine Klanglandschaft umwandeln, die übers Ohr nicht nur Distanzen und Formen, sondern auch Farben und Materialien vermitteln kann.

Wer hier an den "Sonic-Guide" denkt, hat die richtige Idee, denn auch dieses Hilfsmittel versuchte die Umwelt mit Tönen darzustellen und abzubilden. Allerdings hatte die "Sonic"-Brille einen anderen technischen Ansatz, denn sie arbeitet bzw. arbeitete via Ultraschall wie eine Fledermaus. Diese Idee mag zwar Pate gestanden haben, doch diese neue Idee geht offenbar weit über die Leistungsfähigkeit der "Sonic"-Brille hinaus. Die "Sonic"-Brille kam - wenn ich mich richtig erinnere - etwa vor 15 Jahren auf den Markt und half hunderten Blinden erfolgreich bei ihrer Orientierung. Heute nun setzt man hoch auflösende Kameras der Smart-Phones ein, schaltet eine Software-Lösung dazwischen, die man vor 20 Jahren gar nicht hätte entwickeln können, und hat so einen technischen Ansatz, der als geradezu genial bezeichnet werden kann.

Auf Grund der heute möglichen gigantischen Rechenleistungen der Smart-Phones darf man gespannt sein, inwieweit dieser Ansatz zu einem brauchbaren bzw. alltagstauglichen Hilfsmittel weiter entwickelt werden kann und wird.

Doch schauen wir uns die Idee ein wenig genauer an: "EyeMusic-System für Grundformen und Farben", so haben die Entwickler ihr Geisteskind genannt. Mit ihrem "EyeMusic-System", das im Vorjahr bereits erste Tests bestand, sind grobe Formen zu erkennen - oder müsste man nicht besser sagen: zu hören? Blinde Testpersonen haben zwischenzeitlich den Beweis erbracht, dass diese Art des quasi-sehens prinzipiell funktioniert.

Wissenschaftler haben bestätigt, dass solche Klangbilder über das Ohr"... tatsächlich die visuellen Areale im Gehirn beschäftigen. Das ist ein wunderbarer Ansatz, da wir so als Blinde einem Sehempfinden ein klein wenig näher kommen. Man nutzt für dieses System das Prinzip der sensorischen Substitution: Dabei wird ein Sinnesreiz durch einen anderen ersetzt, hier also das Sehen durch das Hören. Da fällt mir ein Kinderspruch meiner Eltern ein: "Wer nicht hören will, muss fühlen." Vielleicht bekommt diese Redensart bald eine völlig neue und damit positive Bedeutung."

Die Schwierigkeit wird sicherlich sein, das entstehende Klangbild nicht zu überladen. Deshalb wird - was die elektronische Verarbeitung des Videobildes angeht - zunächst die Farbenvielfalt auf ein Minimum reduziert und die Auflösung des Bildes drastisch reduziert, so dass wir ein grobkörniges und eher schwarzweiß wirkendes Bild haben. Für die Techniker: Auflösung: 40 mal 24 Pixel bei sechs Grundfarben oder Schwarzweiß.

Je höher im Bild ein Objekt ist, desto höher ist auch der Klang. Für bestimmte Objekte oder Formen setzt man fest definierte Instrumente ein. Die SSDs funktionieren also unabhängig von der Art der Sehstörung und sind nicht invasiv, können also ohne aufwändige Operation genutzt werden. Das ist ein unschlagbarer Vorteill, denn so kann man je nach Stand der Technik im Handumdrehen modernere Hardware oder Software nutzen. Viele Sehrestler haben aus verständlichen Gründen Angst vor Operationen.

Kurzum: Das klingt alles sehr, sehr spannend! Hoffen wir gemeinsam, dass man hier zu einer alltagstauglichen Entwicklung kommt und das Projekt nicht einschläft.


Navigation:
Zurück zur Übersicht der Fachbegriffe